Ägypten rätselt über die Drahtzieher der Gewalt
Trauer um die Opfer der Fussballkatastrophe: Wer steckt hinter dem Gewaltausbruch? (Keystone)
Nach den blutigsten Krawallen in der ägyptischen Fussballgeschichte zieht die Übergangsregierung erste Konsequenzen. Ministerpräsident Kamal al-Gansuri gab während einer Krisensitzung des Parlaments in Kairo bekannt, dass er den Gouverneur der Stadt Port Said abgelöst und den ägyptischen Fussballverband aufgelöst habe. Das neue Parlament versprach zudem eine zügige Aufklärung der Ereignisse. (ank, dpa)
Von Nahost-Korrespondentin Iren Meier
War es eine überforderte und inkompetente Polizei? Oder hatten dunkle Mächte ihre Hände im Spiel im Fussballspiel von Port Said? Die islamistischen Muslimbrüder, heute die dominierende politische Kraft in Ägypten, glauben an die zweite These. Anhänger des alten Regimes hätten das tödliche Desaster auf dem Fussballfeld angerichtet, behaupten sie.
Viele Ägypter denken heute ähnlich, wenn sie die Schilderungen der Augenzeugen hören und Fernsehbilder sehen. Im Zentrum steht die Polizei. Es gibt Augenzeugen, die gesehen haben wollen, dass Polizisten die Tore zur Fanmeile selber geöffnet und den aggressiven Fans den Weg aufs Spielfeld ermöglicht haben.
Sind die Unruhen im Interesse des Militärs?
Sicher ist, dass das Polizeiaufgebot auffallend mager war und die anwesenden Sicherheitskräfte praktisch nicht eingriffen, als die Gewalt explodierte. « Was ist das für eine Militärregierung, die nicht einmal ein Fussballspiel sichern kann?», fragte ein aufgebrachter Offizieller.
Sind solche Unruhen gar im Interesse der Militärjunta, die immer wieder betont, dass nur sie die Sicherheit Ägyptens garantieren könne, die die Revolutionäre oft als Randalierer betrachtet und die so schwer von der Macht abzubringen ist? Ja, sagen die Fans des Kairoer Clubs al-Ahly, die in Port Said angegriffen wurden und die am Donnerstag in Kairo einen Protestmarsch zum Innenmnisterium organisiert haben. Ihre ganze Wut richten sie gegen den Chef des Militärregimes, General Tantawi. Sie verlangen seinen Rücktritt.
Ultras sind Teil der Revolution
Die Fussballfans sind ein politischer Faktor im postrevolutionären Ägypten geworden. Die Ultras, wie sie genannt werden, sind Teil der Revolution und haben sich kürzlich zu einer politischen Bewegung zusammengeschlossen. Während des Aufstandes waren sie oft an der Spitze der Proteste zu finden, dort wo es am gefährlichsten war.
Heute vor einem Jahr schickte das Mubarak-Regime Pferde und Kamele auf den Tahrir-Platz, um den Aufstand niederzuschlagen. Dass dies dem Regime nicht gelang, verdankten die Demonstranten vor allem den Ultras, die sich dem Angriff entgegenstellten und die Reiter von ihren Pferden und Kamelen herrunterrissen.
Auch bei den Unruhen im vergangenen November in Kairo lieferten sich die Fussballfans heftige Auseinanderstezungen mit der Polizei. Die Polizei und das Regime hätten sich nun in Port Said dafür gerächt, behaupten die Anhänger. Die ohnehin sehr angespannte Situation in Ägypten wird sich jetzt weiter verschärfen, nicht nur auf der Strasse, sondern auch auf der politischen Ebene.
Die Gräben sind tiefer geworden
Das neue Parlament, das sich zu einer Sondersitzung trifft, ist gefordert. Die Stimmung ein Jahr nach der Revolution ist schlecht in Ägypten, Misstrauen und Frustration sind gross und wachsen weiter, vor allem bei den Revolutionären. Der Graben zwischen ihnen und den dominierenden Islamisten hat sich seit den Wahlen noch vertieft. Der Ruf nach sofortigen Präsidentschaftswahlen und dem Rückzug der Generäle wird nun noch lauter werden. (ank)
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